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1.10.2021

Mit dem Bus in die DDR

Welche Sichtweise gewannen Schulklassen während der Zeit der deutschen Teilung, wenn sie Westberlin besuchten und dabei auch einen Tagesausflug nach Ostberlin unternahmen? Ein Geschichtslehrer erinnert sich an "legendäre Klassenfahrten".

Tausende feiern nach dem Fall der Mauer in der Nähe des Brandenburger Tores. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Thomas Hackmann / wir-waren-so-frei.de)


Am Abend des 9. Novembers 1989 gegen 18 Uhr verkündet das Politbüromitglied der Sozialistischen Einheitspartei (SED) Günter Schabowski den Beschluss des Zentralkomitees der SED, dass Privatreisen nach Westberlin und in den Westen ab sofort ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen erlaubt sind: "Die Genehmigungen dafür werden den DDR-Bürgern kurzfristig erteilt. Ständige Ausreisen können über die Grenzübergangstellen der BRD und DDR erfolgen". An wann ist das gültig wird er gefragt. Die Antwort macht Geschichte: "Äh... unverzüglich."

Sein Irrtum verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Menschenmassen strömen in Ostberlin in Richtung Brandenburger Tor und der Grenzübergänge. Sie hoffen auf die Öffnung der Mauer. Doch die Grenzposten dürfen nur auf Befehl handeln und halten die Tore noch weiterhin verschlossen, bis sich schließlich die Menschen in großen Massen drängen. Nach und nach geben die Grenzsoldaten ihre Posten auf und öffnen die Tore. Das ist ein großer Schritt auf dem Weg zur deutschen Wiedervereinigung, denn mit dem Mauerfall wird das Ende der DDR unwiderruflich eingeleitet. Die Mauer stand jahrelang als Symbol für die deutsche Teilung und des Kalten Krieges und hat das Leben der DDR-Bürger deutlich erschwert. Vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 teilte die Berliner Mauer Deutschland und die Stadt Berlin in zwei Hälften. Fast drei Jahrzehnte lang hat die riesige Sperranlage eine Flucht in den Westen gnadenlos verhindert. Die Mauer hat insgesamt 28 Jahre und 88 Tage Ost- und Westberlin voneinander getrennt.

Ein solches Leben, das durch die Teilung und die Mauer gekennzeichnet war, ist für die meisten Menschen in der heutigen Zeit unvorstellbar. Die Bewohner dort wurden dauerhaft von dem SED-Regime überwacht. Ihre eigene Freiheit ist ihnen gestohlen worden. Dadurch, dass regelmäßige Treffen nicht zulässig waren, wurden viele DDR-Bürger lange Zeit von ihren Freunden und Verwandten im Westen getrennt. Das Leben in der DDR war geprägt von Einschränkungen und Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit. Wir sind heute so an Demokratie und Freiheit gewöhnt, dass es uns schwerfällt, uns solch ein Leben vorzustellen. Heutzutage ist es für uns nur noch möglich durch Filme, Dokumentationen oder Erzählungen die Umstände eines Lebens in der DDR zu erfahren.

Unser Lehrer als Zeitzeuge

Herr Heß, ein Lehrer unserer Schule, hat die DDR noch zu Zeiten der Mauer selbst erlebt und kann uns heute darüber berichten. Herr Heß hat jahrelang die Berlin-Fahrten an unserer Schule für die Oberstufe organisiert. Die Schüler hatten so die Möglichkeit, sich mit den Folgen des Mauerbaus und der Teilung Deutschlands auseinanderzusetzen. In einem Gespräch mit der PEER, unser Schüler*innenzeitung, erzählt Herr Heß von den Erlebnissen, die sich ihm selbst und den Schülern durch die Fahrt eröffnet haben.

Insgesamt waren es meist circa 60 Teilnehmer. Durchgeführt wurde die Reise mit einem Bus. Es war notwendig, die Fahrt schon zuvor genauestens zu organisieren, um möglichen Schwierigkeiten und Konfrontationen mit den Grenzwächtern bestmöglich aus dem Wege zu gehen.

Aufgrund dessen, dass die Schüler zunächst einmal nach Westberlin reisten und auch dort übernachtet haben, waren für die Einreise keine speziellen Papiere notwendig. Ein gültiges Visum musste auch nur für eine Einreise in die DDR selbst beantragt werden, wenn man dort seine Verwandten besuchen wollte. Für die Reise der Schüler nach Westberlin genügte also ein gültiger Reisepass. Dennoch galt es, bestimmte Sicherheitsmaßnahmen schon während der Fahrt einzuhalten, da selbst die Autobahnen, die sogenannten Transitwege, überwacht wurden. Die Autobahn durfte man beispielsweise nur an genau vorher benannten Ausfahrten verlassen. Es war nämlich möglich, dass unmittelbar hinter den Ausfahren Kontrollpunkte waren, an denen die Autos und Personen kontrolliert und durchsucht wurden. In manchen Fällen wurde sogar die Weiterreise ver¬boten. Ebenso durfte man als Westdeutscher nur an bestimmten Raststätten halten, um eine Pause einlegen zu können. Diese sollten am besten auch schon vor der Fahrt mit in die Route eingeplant werden.

Schon während der Fahrt auf der Autobahn hatte man das Gefühl von ständiger Überwachung und Kontrolle. Während der Durchreise nach Berlin sind sie auch durch den Grenzort Rudolphstein gefahren. Rudolphstein lag an der innerdeutschen Grenze und war gleichzeitig der Grenzübergang an der A9. Dort wurden alle Passanten, die weiter in die DDR reisen wollten, von den Grenzwärtern kontrolliert. Teilweise wurden sogar die Autos der Passanten auseinandergebaut. Glücklicherweise war dies bei der Schulgruppe nicht der Fall und sie konnten ohne große Schwierigkeiten weiterreisen. Allerdings sollten es die Schüler*innen vermeiden, westliche Druckerzeugnisse, wie den Stern, mit sich zu führen. Dies hätte nämlich den Anschein erwecken können, sich gegen das Regime der DDR zu stellen oder die Ostdeutschen negativ beeinflussen zu wollen.

Damals an der innerdeutschen Grenze. (© PEERplus)


Als die Schülergruppe schließlich in Berlin an dem Grenzübergang „Dreilinden“ an der Mauer angekommen war, wurden sie nochmals kontrolliert, um in Westberlin einzureisen. Die Reisepässe konnten erneut überprüft werden und die Dauer des Aufenthalts musste angegeben werden. Dort an der Mauer war bereits der bedrohliche Geist zu spüren. Überall an der Mauer waren Schießanlagen zu sehen, die Wächter waren kühl, arrogant und vor allem „preußisch“.

Die Mauer auf der Seite der DDR war kalt, trist und grau, denn sie war Eigentum der DDR, an welches die Menschen nicht herantreten durften. Es bestand immer die Gefahr, bei nur einer falschen Bewegung oder Äußerung abgeführt oder sogar erschossen zu werden. Die Menschen mussten sich unterordnen und ihre Freiheit als Individuum an eine staatliche Macht abgeben. Der Eindruck von Herrn Heß: „Die DDR war nicht bunt, die Häuser waren trist, es gab kaum Werbung auf den Straßen und die Menschen selbst erschienen bisweilen grau. Es war wenig Lebensfreude im öffentlichen Raum spürbar, die Menschen hatten sich dem Regime unterzuordnen.“

Die "Insellage" Westberlins

Es entstand in Westberlin das Gefühl einer „Insellage“, denn es gab keinen Weg nach draußen, die Menschen waren eingesperrt. Die Schüler*innen hatten das Gefühl einer „Irrsinns-Situation“, denn es erschien alles so unrealistisch und abstrakt. Dieses Gefühl begleitete sie während des gesamten Aufenthaltes in Berlin.

Die Schulklassen haben auch an einem Tag gemeinsam mit ihren Lehrern oder Lehrerinnen Ostberlin besichtigt. Dort trat das Gefühl von Überwachung und Hoffnungslosigkeit noch deutlicher hervor. Beim Übertritt nach Ostberlin musste ein Zwangsumtausch von Westmark in Ostmark erfolgen. Das ganze Geld musste von den westdeutschen Besuchern und Besucherinnen aufgebraucht werden. Doch in Ost-Berlin gab es sehr wenig zu kaufen, was einen Deutschlehrer interessierte: „Die meisten guten Produkte, wie Bücher von Goethe, waren bereits ausverkauft.“ Es gab fast keine Möglichkeiten das Geld vollständig auszugeben, weshalb man es teilweise an Kinder verschenkte.

Das Gefühl der ständigen Überwachung war in Ost-Berlin überdeutlich zu spüren, weil überall Männer in grauen Anzügen zu sehen waren, die unauffällig-auffällig um die Besucher und Besucherinnen streiften. Auch in Restaurants saßen die Männer an verschiedenen Tischen und sind den Gesprächen der Menschen gefolgt. Das war insbesondere für die Schüler und Schülerinnen sehr erschreckend und eine völlig neue Situation. Sie haben sich unter Druck gesetzt gefühlt, keinen Unfug zu treiben oder sich falsch zu verhalten.

Bei der Rückfahrt flossen am Kontrollpunkt „Tränenpalast“ (so nannte ihn der Volksmund) buchstäblich die Tränen beim Abschied von den Freunden und Verwandten.

Der innerstädtische Grenzübergang "Tränenpapalast" in der Ostberliner Friedrichstraße, aufgenommen zu DDR-Zeiten 1964. (© picture-alliance/dpa, ZB-Archiv)


Das war sehr beeindruckend für die Schulklassen aus dem Westen, denn auch hier erfolgten sehr strenge Kontrollen und Sicherheitsvorkehrungen. Alles in allem waren Angst, Misstrauen und Zurückhaltung hautnah zu spüren.

Auch die Ausreise aus der DDR stellte wiederum Gefahren für die Menschen dar. Es herrschten Misstrauen, Ängste, Brutalität und Gewalt. Die Grenzwächter wollten sicher gehen, dass keine Güter oder sogar Menschen in die BRD geschmuggelt wurden. Man durfte als Bürger kein falsches Wort gegenüber den Wächtern sagen. Der Bürger beziehungsweise die Bürgerin hat sich als Individuum verabschiedet und sich der Macht des Staats unterworfen. Dennoch war die Fahrt für Herrn Heß und seine Schüler immer wieder „eine irre Erfahrung in einer irren Situation“, wie Heß betont. Die Fahrten ermöglichten es, Einblicke in die Welt der DDR hinter der Mauer zu bekommen und vor allem die uneingeschränkte Macht eines Staates begreifen zu können.

Zitierweise: Laura Lößlein, "Mit dem Bus in die DDR", in: Deutschland Archiv, 1.10.2021, Link: www.bpb.de/341183. Ihr Beitrag ist der Schülerzeitung "PEERplus" des Egbert-Gymnasiums in Münsterschwarzach entnommen. Weitere Schülerzeitungstexte folgen unter diesem Link.

Laura Lößlein

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