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counter 31.8.2011

Innere Einheit als Herausforderung der deutschen Wiedervereinigung

Zur Rolle der Erwachsenenbildung für die innere Einheit Deutschlands

Welche Rolle hat die Erwachsenenbildung für die innere Einheit Deutschlands gespielt? Die Untersuchung zeigt, dass ihr Beitrag ausschließlich darin lag, die Menschen in Ostdeutschland demokratie- und arbeitsmarktfähig zu machen, indem ihre sozialen und personalen Kompetenzen erweitert wurden.

1. Innere Einheit als Herausforderung für die Erwachsenenbildung nach der deutschen Wiedervereinigung

Der illuminierte Reichstag am Tag der Deutschen Einheit 2010. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00226333, Foto: Steffen Kugler)

Eine wichtige Herausforderung für die Erwachsenenbildung/ Weiterbildung im Zuge der deutschen Wiedervereinigung war es, zur Schaffung einer "inneren Einheit" im vormals geteilten Deutschland beizutragen. Schließlich geht die Vereinigung Deutschlands über die institutionelle Integration weit über hinaus. Es ist unbestritten, dass eine Angleichung der ökonomischen Verhältnisse der Ost- und Westdeutschen für die "innere Einheit" eine große Bedeutung hat. Doch ist die innere Einheit zwischen den Deutschen nicht nur durch die ökonomische Angleichung zu erreichen. Die Tatsache, dass nach dem Niederreißen der Mauer zwischen den Gesellschaften der vormaligen deutschen Teilstaaten deutlich "ein geistiges und gesellschaftliches Miteinander" gewachsen ist und dies als bedeutsame Herausforderung angesehen wird[1], zeigt, dass die innere Einheit eines Staatengefüges sehr viele verschiedene Aspekte umfasst. Zur Bewältigung dieser Herausforderung kann die Erwachsenenbildung/Weiterbildung einen wichtigen Beitrag leisten.



Erwachsenenbildung hat in Phasen des gesellschaftlichen Umbruchs auf verschiedene Weise Relevanz, da sie mit ihrem eigenen Organisationskonzept zur Planung von Bildungsangeboten, also einem "Angebot-Nachfrage-Modus", flexibel auf aktuelle gesellschaftliche Aufgaben reagieren und einen Beitrag zur Bewältigung der daraus resultierenden Probleme leisten kann.[2] Der Erwachsenenbildung kommt also in gesellschaftlichen Umbruchphasen, wie der deutschen Wiedervereinigung, eine Transformationsfunktion zu. In diesem Sinne könnte Erwachsenenbildung auch als Instrument für die erfolgreiche Gestaltung einer neuen Gesellschaft verstanden werden.[3] Vor diesem Hintergrund lohnt es sich zu untersuchen, welchen Beitrag zur "inneren Einheit" Deutschlands die Erwachsenenbildung/Weiterbildung[4] im Prozess der deutschen Wiedervereinigung tatsächlich geleistet hat.

Um herauszufinden, wie die Frage der "inneren Einheit" von den Akteuren wahrgenommen und in die Praxis umgesetzt wurde, wurden Tagungsdiskussionen analysiert, auf der verschiedene Experten aus Ost- und Westdeutschland über Erwachsenenbildung/Weiterbildung debattierten.



2. Tagungsdiskussionen als Quellenmaterial

Untersuchungsgegenstand sind zehn Tagungsdiskussionen, die im Rahmen der Konzertierten Aktion Weiterbildung (KAW) durchgeführt wurden. Die KAW war ein unabhängiges Sachverständigengremium für den Bereich der Weiterbildung, das als Forum für alle im Bereich der allgemeinen, politischen, beruflichen und der wissenschaftlichen Weiterbildung Verantwortlichen fungiert. Eingerichtet wurde die KAW, nachdem eine Reihe von Faktoren wie der Strukturwandel und die technische Entwicklung in den letzten Jahren die Bildungsarbeit vor neue Herausforderungen stellte.[5] Die KAW lieferte einen Input über relevante Themen zur Weiterbildung, wobei aktuelle bildungspolitische Themen im Vordergrund stehen.

Das KAW-Kolloquium war ein organisiertes Forum für die Bildungsexperten. Da diese aus verschiedenen Bereichen kommen und auf der Grundlage wissenschaftlicher Theorien und Erfahrungen zu aktuellen Themen umfassende Diskussionen führten – und dadurch Anregungen für die Partizipation am gesellschaftlichen Entwicklungsprozess gaben – dürften die Tagungsdiskussionen auf die Praxis der Weiterbildung wesentlichen Einfluss ausgeübt haben. Schließlich dienten die Tagungen der KAW als bundesweites Konsultations- und Koordinationsveranstaltungen für die im Bereich der allgemeinen, politischen, beruflichen und wissenschaftlichen Weiterbildung tätigen Träger und Organisationen und hatten einen offenen und kontinuierlichen Informations-, Erfahrungs- und Meinungsaustausch zu wichtigen weiterbildungsbezogenen Themen zu pflegen und in bildungspolitischen Fragen zu beraten und Empfehlungen zu erarbeiten.

Die Konzertierte Aktion Weiterbildung konnte deshalb als der erste – gelungene – Versuch in der Geschichte der deutschen Erwachsenenbildung gelten, alle Träger, die in diesem Bereich tätig sind, zu kontinuierlichen partnerschaftlichen Beratungen und Abstimmungen über gemeinsame Anliegen und Probleme zusammenzubringen.[6] Von den Kolloquien war zu erwarten, dass sie sich auch mit der Frage der "inneren Einheit" beschäftigten. Doch wie haben die Bildungsexperten aus unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen diese gesellschaftliche Herausforderung wahrgenommen? Und gaben die Diskussionen Impulse für die Herstellung einer "inneren Einheit" Deutschlands durch die Bildungsarbeit? Schließlich dürfte eine Evaluation der tatsächlich durchgeführten Weiterbildung in den neuen Bundesländern erkennen lassen, wie die Ergebnisse der KAW-Diskussionen in die Praxis umgesetzt worden sind.

Den Untersuchungszeitraum bilden die Jahre 1990–1996. Die wichtigsten Beiträge hatte die Weiterbildung in der Anfangsphase des deutschen Vereinigungsprozesses zu leisten, und dementsprechend ist diese Thematik in jenen Jahren am intensivsten behandelt worden. In methodischer Hinsicht wird ist die vorliegende Untersuchung hauptsächlich als qualitative Inhaltsanalyse[7] angelegt. Nach der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Begriff "innere Einheit", der die Grundlage für die Analyse der Tagungsdiskussionen bildete, wurden die Untersuchungskriterien induktiv aus dem Material gewonnen und die Kernaussagen der Debatten durch die Analysekriterien kategorisiert. Danach wurden die Kernaussagen durch die Analysekriterien systematisch analysiert und weiteres Material für die Interpretation herangezogen.



3. Der Begriff "innere Einheit"

Für die Analyse der Tagungsdiskussion war es zunächst notwendig, sich mit dem Begriff "innere Einheit" zu beschäftigen, um zu erkunden, welcher theoretischer Hintergrund dem Begriff zugrundeliegt. Der Begriff "innere Einheit" wird genutzt, um den Stand des Verhältnisses zwischen Ost- und Westdeutschen im vereinigten Deutschland zu charakterisieren. Er bezieht sich auf die beabsichtigte Annäherung zwischen den ost- und westdeutschen Lebensverhältnissen bzw. deren Reflexion[8], wobei "innere Einheit" kein eingeführtes Konzept aus einem klaren sozialwissenschaftlichen Theoriezusammenhang ist, sondern etwas Offenes und Dynamisches darstellt[9]. Vielmehr könnte "innere Einheit" auch als "harmonische Integration" bezeichnet werden.[10] Mit dem Begriff "innere Einheit" werden also grundsätzlich über die strukturbezogene Dimension hinaus die soziokulturellen Aspekte des deutschen Einigungsprozesses betrachtet. Allerdings wird der Begriff dem Aspekt des tatsächlichen Verhältnisses zwischen Ost- und Westdeutschen kaum gerecht.

Die Rede von der "Mauer in den Köpfen" drückt das negative Verhältnis zwischen beiden Seiten bzw. von Angehörigen der verschiedenen politischen Systeme des zuvor geteilten Deutschlands im vereinigten Deutschland aus und weist auf gegenseitiges Misstrauen und innere Konflikte hin. Vielfach besteht schließlich aufgrund der schlechten oder als schlecht empfundenen wirtschaftlichen Lage eine negative Einstellung gegenüber der jeweils anderen Seite. Dieses (Spannungs-)Verhältnis kann sich negativ auf die Überwindung der aus der deutschen Einheit resultierten Probleme auswirken. Um dieses schwierige Verhältnis zu bewältigen, muss eine gesellschaftliche Atmosphäre geschaffen werden, in der beide Seiten einander verstehen und akzeptieren lernen und eine gemeinsame Wahrnehmung der gesellschaftlichen Lage entwickeln.

Diesen Aspekt berücksichtigt jedoch die Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit "innere Einheit" nur ungenügend. Vielmehr intendiert er häufig, dass ausschließlich die Ostdeutschen Schwierigkeiten hätten, sich in der oft als übergestülpt empfundenen Gesellschaftsstruktur des Westens zurechtzufinden, während es tatsächlich darum geht, wie die Menschen aus beiden Teilen Deutschlands miteinander harmonieren. Die "innere Einheit" kann also nicht allein durch die Ostdeutschen hergestellt werden. Auch die Westdeutschen haben einen Beitrag zu leisten – ungeachtet dessen, dass die deutsche Einheit als Beitritt der DDR zur BRD vollzogen wurde.

In diesem Sinne bedarf der Begriff "innere Einheit" in Teilen der Ergänzung. Er wird hier als ein Prozess definiert, in dem die Ost- und Westdeutschen die Vorurteile gegenüber dem jeweils Anderen korrigieren und versuchen, gemeinsam einen Weg für ein harmonisches Miteinander zu finden. "Innere Einheit" stellt also einerseits das Ziel dar und wird andererseits als ein langer Prozess ausgelegt. Dieser Prozess könnte zur Schaffung eines Konsens' über die aktuelle gesellschaftliche Lage und zu einem harmonischen Leben der Ost- und Westdeutschen beitragen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Erwachsenenbildung/Weiterbildung bei der Begleitung der deutschen Vereinigung nicht nur an die Ostdeutschen, sondern auch an die Westdeutschen zu adressieren ist[11], auch wenn der Bildungsbedarf im Osten größer zu sein scheint als im Westen.

Für die Analyse der Tagungsdiskussionen der Konzertierten Aktion Weiterbildung muss – ganz in Entsprechung zu dieser Vorüberlegung – der Begriff "innere Einheit" anhand verschiedener Kriterien beschrieben werden. Der Begriff selbst war hier hauptsächlich in den Diskussionen über Bildungsinhalte zu finden. Deshalb wird er im Folgenden vor allem auf Inhalte der Erwachsenenbildung/Weiterbildung in diesem Aufsatz verwendet und für die Aufgaben, die in diesem Bereich erfüllt werden sollen. Grundsätzlich stehen nicht nur die Ostdeutschen und die Westdeutschen vor der Aufgabe einer harmonischen Integration in die neue politische und gesellschaftliche Situation, sondern auch Migrantinnen und Migranten. Dieser Aspekt wird hier allerdings nicht aufgegriffen, zumal er in den 1990er-Jahren kaum thematisiert wurde.



4. Analyse der Diskussion

Das Thema "innere Einheit" sowie das der "gegenseitigen Annährung" wurde insgesamt auf sechs von zehn Tagungen behandelt und stand vor allem am Anfang der 1990er-Jahre auf der Agenda. Gerade auch auf den Tagungen zur politischen Weiterbildung war von "innerer Einheit" die Rede. Aus bildungsinhaltlicher Sicht wurden der "Dialog" und die "Begegnung" zwischen beiden Seiten für die politische Weiterbildung als bedeutsam angesehen. Die "gemeinsame Geschichtserfahrung" und der "unterschiedliche Umgang mit Geschichte" wurden als wichtige Faktoren für die Annäherung zwischen beiden Seiten betrachtet, eine offene Atmosphäre zwischen beiden Seiten als wichtige Voraussetzung für den Dialog.

Diese Bildungsinhalte sind zwischen Ost und West unterschiedslos behandelt worden. Allerdings wurde die "innere Einheit" als Bildungsinhalt in den Tagungsdiskussionen nur nachrangig thematisiert. Die Begriffe "gegenseitige Annährung" und "innere Einheit" wurden weder theoretisch noch auf der Handlungsebene geklärt, und der relativ oft genannte Begriff "gegenseitige Annährung" wurde meist im Sinne von "innerer Einheit" verwendet – allerdings immer nur mit Blick auf die Ostdeutschen. Sowohl "gegenseitige Annährung" als auch "innere Einheit" wurden als Bildungsinhalte für die Westdeutschen nicht angesprochen.

Die Bildungsexperten gingen davon aus, dass das jene, die die deutsch-deutschen Lebensgeschichten "zur Kenntnis nehmen" einen Beitrag zur Verständigung und zur gegenseitigen Akzeptanz leisten könnten. Indem die Deutschen aus den zuvor unterschiedlichen politischen Systemen, den unterschiedlichen Wirtschaftssystemen und den mental unterschiedlichen Kulturen ihre Erfahrungen miteinander austauschten[12], könnten sich Bedingungen ergeben, durch Biografiearbeit den Einheitsprozess zu befördern. Da das Verständnis gegenüber der jeweils anderen Seite, vor allem die gegenseitige Solidarität, in vielerlei Hinsicht als wichtige Voraussetzung für den Einigungsprozess gelten kann,[13] müsste dieser Aspekt in der Bildungsarbeit inhaltlich behandelt werden.[14] Dabei wurde die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als wichtiger Ansatzpunkt betrachtet, da die Geschichte der jeweils anderen Seite ein Treffpunkt für den gemeinsamen Dialog sein könne.[15] Die gegenseitige, unvoreingenommene Akzeptanz beider Seiten als Voraussetzung gilt als wichtige Dimension für die Weiterbildung,[16] da sie eine Voraussetzung für den gemeinsamen Neuanfang ist[17].

Allerdings wurden diese Aspekte auf den Tagungen in ebenso geringem Umfang behandelt, wie der Begriff "innere Einheit" in den Diskussionen nicht geklärt wurde. Da jedoch gerade der politischen Weiterbildung ein wichtiger Beitrag zur gegenseitigen Annäherung zugeschrieben wird, hätte dieses Thema aus verschiedenen Aspekten erörtert werden müssen. Als Bildungsinhalt war die Diskussion zur "inneren Einheit" marginalisiert.

Auch die Annäherung zwischen beiden deutschen Seiten wurde als Bildungsinhalt nur wenig thematisiert, obwohl es reichhaltige Programmangebote zur Geschichte beider deutschen Staaten gab[18]. Diese Programme wurden positiv eingeschätzt.[19] Ob es dabei auch gelungen ist, sich gegenseitig das Leben im anderen Teil Deutschlands nahe zu bringen, ist allerdings schwer einzuschätzen.[20] Dies umso mehr, als die Angebote Breitenwirksamkeit kaum entfalten können, sondern sich in kleinen Diskussionskreisen von Interessierten erschöpften, von denen jedoch immerhin positiv berichtet wird.[21]

Da wegen der soziokulturellen Unterschiede dem gegenseitigen Dialog große Bedeutung zukommt,[22] verwundert es, dass er als Bildungsinhalt bei den Tagungen kaum eine Rolle spielte. Die deutsche Teilungsgeschichte konnte in der Weiterbildungspraxis kaum thematisiert werden, da die "gegenseitige Annährung" als Bildungsinhalt nur marginal aufgegriffen wurde. Ein angemessener wechselseitiger Umgang zwischen den Deutschen in Ost und West wurde deshalb in der Weiterbildung kaum erreicht, als Bildungsinhalt fand das Thema "innere Einheit" als Bildungsinhalt wenig Resonanz.



5. Die Rolle der Erwachsenenbildung im Einigungsprozess

In den Tagungsdiskussionen wurde die Rolle der Weiterbildung für die "innere Einheit" zwischen beiden deutschen Seiten nicht ausdrücklich betont. Gleichwohl waren die Träger der Erwachsenenbildung/Weiterbildung sich der Herausforderungen bewusst, sich der "inneren Einheit" im wiedervereinigten Deutschland zu widmen.

Allerdings genoss aufgrund der Massenarbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern der Wiedereinstieg auf dem Arbeitsmarkt absolute Priorität. Angesichts dessen ist es verständlich, dass sowohl auf den Tagungen als auch in der Weiterbildungspraxis die berufliche Qualifizierung im Mittelpunkt stand, wenngleich Weiterbildung kein Eintrittsbillet auf den Arbeitsmarkt war, wie sich nach und nach herausstellte. Auf jeden Fall wurden Qualifizierungsmaßnahmen intensiv diskutiert, verlangte der gesellschaftliche Umbruch doch neue, umfassende und zusätzliche berufliche Kompetenzen. Allerdings wurde die Dominanz des beruflichen bildungsbezogenen Aspekts in den Diskussionen der KAW-Kolloquien stets kritisiert.

Der Beitrag von Erwachsenenbildung/Weiterbildung liegt ausschließlich darin, die Menschen demokratiefähig zu machen, indem ihre sozialen und personalen Kompetenzen erweitert werden. Zugleich geht es darum, ihre Klienten arbeitsmarktfähig zu machen bzw. zu halten, indem sie ihre beruflich-fachliche Qualifikation verbessert wird. Die Teilhabe an der Gesellschaft und die Partizipation am Arbeitsmarkt sind für alle Menschen die Grundbedingungen für eine Harmonisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Erwachsenenbildung/Weiterbildung kann dazu einen Beitrag leisten, aber unmittelbaren Einfluss auf politische und ökonomische Rahmensetzungen, unter denen sich die "innere Einheit" zwischen beiden deutschen Seiten vollziehen kann, hat Erwachsenenbildung/Weiterbildung nicht. Mit ihren Bildungs- und Qualifizierungsangeboten schafft sie allerdings eine wichtige Grundlage dafür, dass Menschen sich damit auseinandersetzen und daran partizipieren.



6. Nachbemerkung

Im Sommer 2005 erklärte Manfred Stolpe, dass beim Aufbau Ost "Halbzeit" sei. Das klang, als könnten die Ostdeutschen in den nächsten 15 Jahren erreichen, wovon sie 1990 träumten: eine starke, transferunabhängige Wirtschaft, gleiche Lebensverhältnisse und "innere Einheit". Fachleute sind skeptischer. Statt einer stabilen "inneren Einheit" rechnen sie einer starken Differenzierung innerhalb Ostdeutschlands in wenige städtische Zentren und unterentwickelte ländliche Regionen, mit anhaltender Abwanderung und rascher Überalterung, mit verfestigten Unterschieden beim Einkommen und Vermögen, mit anhaltendem Transferbedarf und einer Tradierung ostdeutscher Besonderheiten. Der Verteilungskonflikt um die Transfergelder wird – entgegen aller Solidaritätsbeschwörungen – zuspitzen, der Ost-West-Gegensatz noch Jahrzehnte andauern. Alter und Arbeitslosigkeit haben in den ostdeutschen Ländern ein anderes Gesicht, sie treffen auf eine Gesellschaft, in der soziale Bindungen nahezu vollständig in die Strukturen der Arbeitswelt eingelassen waren.

Einige Publizisten sagen eine fortdauernde Kultur der Ungleichheit und der Unterschiede voraus, auf die im Osten wie im Westen kaum jemand vorbereitet sei.[23] Eine Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung zur "inneren Einheit" gelangte vor fünf Jahren zu der Einschätzung, dass in einigen Bereichen der politischen Kultur kaum noch Unterschiede zwischen Ost und West auszumachen seien, in anderen Bereichen große Differenzen bestündenehen und in einigen Bereichen die Diskrepanzen zunähmen. Hatten 1990 die Ostdeutschen in großer Mehrheit die Idee der Demokratie bejaht, so änderte sich das in den vergangenen 15 Jahren gravierend.

Für den Rückgang der Demokratiezufriedenheit sind drei Faktoren zu nennen: das Ausbleiben eines selbsttragenden wirtschaftlichen Aufschwungs in den neuen Bundesländern, der trotz enormer finanzieller Transfers von West nach Ost nicht zustande kam. Zur Unzufriedenheit mit der Demokratie trägt auch bei, dass viele Ostdeutsche das Gefühl haben, bei der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums ungerecht behandelt worden zu sein bzw. behandelt zu werden und am allgemeinen Wohlstand nicht partizipieren zu können. Und schließlich resultiert die geringere Akzeptanz des demokratischen Systems in Ostdeutschland auch aus dem Empfinden vieler, im vereinigten Deutschland nicht gleichberechtigt zu sein und als "Bürger zweiter Klasse" behandelt zu werden. Darüber hinaus erschwert die – unerwartet ausgeprägte – emotionale Bindung vieler an die DDR die Befürwortung der Demokratie.

Nicht Mangel an Verständnis für die Prinzipien von Marktwirtschaft und Demokratie ist der Grund für die verbreitete Skepsis der Ostdeutschen beidem gegenüber, sondern die Unzufriedenheit mit den erfahrbaren und häufig unmittelbar erfahrenen Auswirkungen dieser Prinzipien. Deshalb ist es falsch, die diagnostizierte rückläufige Demokratieakzeptanz als Bildungsproblem zu betrachten und zu schlussfolgern, dass die Menschen noch besser über die Grundlagen der westlichen Ordnung aufgeklärt werden müssten. Die "innere Einheit" ist kein bildungspolitisches Problem mehr, weil die Ostdeutschen in den vergangenen Jahrzehnten genug Belehrung erhalten haben[24]; die "innere Einheit" ist ein politisches Problem.

Fußnoten

1.
Dieter Walz/Wolfram Brunner, Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Oder: Warum sich die Ostdeutschen als Bürger 2. Klasse fühlen, in: APuZ, 51/1997, S. 13–19, hier 13.
2.
Wiltrud Gieseke/Karin Opelt, Erwachsenenbildung in politischen Umbrüchen. Programmforschung Volkshochschule Dresden 1945–1997, Opladen 2003, S. 283. Das Folgende ebd., S. 291.
3.
Byung-Jun Yi, Erwachsenenbildung im Systembruch. Eine exemplarische und kritische Untersuchung zu den erwachsenenpädagogischen Programmen der gesellschaftlichen Interessengruppen in den amerikanischen und britischen Besatzungszonen/Bundesrepublik Deutschland (1945–1953) und den Neuen Bundesländern (1989/1990–1994), Diss. Münster 1997, S. 2.
4.
Erwachsenenbildung/Weiterbildung umfasst hier den gesamten Bereich sowohl der allgemeinen und beruflichen Weiterbildung als auch der politischen Weiterbildung, einschl. der politischen Erwachsenenbildung. Sie alle hatten im Zuge der deutschen Einheit nicht nur zur Anpassung im Berufs- und Alltagsleben wie auch zur Anpassung in das politisch-gesellschaftlich grundlegend veränderte Gesellschaftssystem beizutragen. Vielmehr gilt die politische Weiterbildung als wichtiges Mittel, um die Gesellschaftsmitglieder über wenig vertraute, veränderte oder zu verändernde Zusammenhänge zu informieren und Akzeptanz herzustellen: vgl. Peter Massing, Theoretische und normative Grundlagen politischer Bildung, in: Politische Erwachsenenbildung. Ein Handbuch zu Grundlagen und Praxisfeldern, Hg. Bundeszentrale f. politische Bildung, Bonn 1999, S. 21–60, hier 29.
5.
Axel Vulpius, Die Konzertierte Aktion Weiterbildung. Ein neues Clearinginstrument für die Bildungsplanung in der Weiterbildung, in: Perspektiven der wissenschaftlichen Weiterbildung für die neunziger Jahre – gesellschaftliche Herausforderungen und bildungspolitische Rahmenüberlegungen, Hg. Arbeitskreis Universitäre Erwachsenenbildung, Hannover 1990, S. 36–43, hier 36.
6.
Günther Dohmen, "Konzertierte Aktion Weiterbildung", in: Rolf Arnold u.a. (Hg.), Wörterbuch Erwachsenenpädagogikm Bad Heilbrunn 2001, S. 178.
7.
Wilfried Bos u.a. (Hg.), Angewandte Inhaltsanalyse in empirischer Pädagogik und Psychologie, Münster u.a. 1989, S. 11.
8.
In der Dissertation d. Vf., Implementierung der Erwachsenenbildung nach der Vereinigung Deutschlands. Analyse von Tagungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu Beginn der 1990er Jahre unter dem Gesichtspunkt der harmonischen Integration zwischen beiden deutschen Staaten, Diss. HU Berlin 2008, wird anstelle "innere Einheit" der Begriff "harmonische Integration" zwischen beiden deutschen Staaten als grundlegender Begriff für die Tagungsdiskussionsanalyse verwendet. Hier wird jedoch innere Einheit als grundlegende Definition angenommen, da innere Einheit in meiner Arbeit den Begriff harmonische Integration vollkommen entspricht und es vor allem ungünstig ist, in diesem Aufsatz mit dem begrenzten Seiteumfang intensiv den Begriff harmonische Integration zu behandeln.
9.
Max Kaase, "Innere Einheit", in: Werner Weidenfeld/Karl-Rudolf Korte (Hg.), Handbuch zur deutschen Einheit 1949–1989–1999. Neuausgabe 1999, Frankfurt a. M./New York 1999, S. 454–466, hier 454f.
10.
Vgl. Gu Sup Kang, Implementierung der Erwachsenenbildung nach der Vereinigung Deutschlands. Analyse von Tagungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu Beginn der 1990er Jahre unter dem Gesichtspunkt der harmonischen Integration zwischen beiden deutschen Staaten, Diss. HU Berlin 2008, S. 70ff.
11.
Dieter Wiedemann, Auf der Suche nach den Posaunen von Jericho, in: DIE 1 (1994) 2, S. 18–21, hier 18.
12.
Albrecht Göschel, Kontrast und Parallele: kulturelle und politische Identitätsbildung ostdeutscher Generationen, Stuttgart u.a. 1999, S. 315.
13.
Vgl. Helmut Schmidt, Auf dem Weg zur deutschen Einheit. Bilanz und Ausblick, Hamburg 2005, S. 23ff.
14.
Wolfgang Sander, Die deutsche Vereinigung als Problem der Erwachsenenbildung zwischen zwei Kulturen, in: Hessische Blätter f. Volksbildung 43 (1993) 3, S. 205–212, hier 207.
15.
Werner Dießner, Die Zumutung des Unbekannten. Herausforderungen für die politische Bildungsarbeit bei der Orientierung und Identitätsbildung in den neuen Bundesländern, in: Rainer Zech (Hg.), Pädagogische Antworten auf gesellschaftliche Modernisierungsanforderungen, Bad Heilbrunn 1997, S. 140–164, hier 154.
16.
Astrid Messerschmidt, Im neuen alten Land. Zum DEAE-Projekt "Erfahrungsbezogene Bildungsarbeit im Kontext der gesellschaftlichen Umbrüche in Deutschland", in: Hessische Blätter f. Volksbildung 43 (1993) 3, S. 263–267, hier 267; Detlef Pollack, Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, in: APuZ, 13/1997, S. 3–14, hier 11; Angelika Puhlmann, Arbeitslosigkeit und berufliche Neuorientierungen von Frauen in Ostdeutschland, Bielefeld 1998, S. 103; Hans-Jürgen Misselwitz, Annäherung durch Wandel. Für eine neue Sicht auf die "innere Einheit" und die Rolle der politischen Bildung, in: APuZ, 7–8/1999, S. 24–30, hier 29.
17.
Wolfgang Sander, Die deutsche Vereinigung als Problem der Erwachsenenbildung zwischen zwei Kulturen, in: Hessische Blätter f. Volksbildung 43 (1993) 3, S. 205–212, hier 209.
18.
Sylvia Kade, Ost-West-Dialoge. Erinnerungen als Gegenwartsinterpretation, in: DIE 4 (1997) 3, S. 29–31, hier 30; Ost-West-Begegnungen und Wanderausstellung aus Anlass 10 Jahre Öffnung der innerdeutschen Grenze, Hg. Bundeszentrale f. politische Bildung, Berlin 1999, S. 24; Senioren im gesellschaftspolitischen Wandel, Hg. Dies., Bonn 1999, S. 75ff.
19.
Wolf-Dieter Legall, Erlebte Vergangenheit wird Geschichte – Wiedervereinigung als Glücksfall, in: Ulrich Eith/Beate Rosenzweig (Hg.), Die deutsche Einheit. Dimensionen des Transformationsprozesses und Erfahrungen in der politischen Bildung, Schwalbach/Ts. 2003, S. 118–129, hier 125; Heidi Behrens-Cobet/Anka Schaefer, Geteilte Erfahrungen. Ein deutsch-deutsches Dialogprojekt zur Geschichte nach 1945, Münster 1994, S. 7ff.
20.
Horst Siebert, Ostdeutsche Erwachsenenbildung – aus westdeutscher Sicht oder: Von der Bildungspflicht zur Qualifizierungsnotwendigkeit, in: Karin Derichs-Kunstmann (Hg.), Perspektiven und Probleme der Erwachsenenbildung in den Neuen Bundesländern, Frankfurt a. M. 1994, S. 35–54, hier 50; Siegfried Schiele, Deutsche Einigung als Herausforderung für die politische Bildung in Westdeutschland, in: Ulrich Eith/Beate Rosenzweig (Hg.), Die deutsche Einheit. Dimensionen des Transformationsprozesses und Erfahrungen in der politischen Bildung, Schwalbach/Ts. 2003, S.130–136, hier 132.
21.
Sylvia Kade, Ost-West-Dialoge. Erinnerungen als Gegenwartsinterpretation, in: DIE 4 (1997) 3, S. 29–31, hier 29ff; Astrid Messerschmidt, Im neuen alten Land. Zum DEAE-Projekt "Erfahrungsbezogene Bildungsarbeit im Kontext der gesellschaftlichen Umbrüche in Deutschland", in: Hessische Blätter f. Volksbildung 43 (1993) 3, S. 263–267, hier 264.
22.
Hans Tietgens, Erwachsenendidaktische Überlegungen zur Wiederbegegnung, in: Gerhard Strunk u.a. (Hg.), Wiederbegegnung. Herausforderung an die politische Bildung, Frankfurt a. M. 1990, S. 71–84, u. Wolfgang Sander, Die deutsche Vereinigung als Problem der Erwachsenenbildung zwischen zwei Kulturen, in: Hessische Blätter f. Volksbildung 43 (1993) 3, S. 205–212, hier 206f, plädieren dafür, bei der politischen Bildungsarbeit auf diesem Feld interkulturelle Aspekte zu berücksichtigen, da es zwischen Ost- und Westdeutschen große kulturelle Unterschiede gebe; vgl. auch Albrecht Göschel, Kontrast und Parallele: kulturelle und politische Identitätsbildung ostdeutscher Generationen, Stuttgart u.a. 1999, S. 315.
23.
Jens Bisky, Ost gegen West, in: Süddeutsche Zeitung, 25.8.2005.
24.
Detlef Pollack, Wie ist es um die innere Einheit Deutschlands bestellt? Essay, in: APuZ, 30–31/2006, S. 3–7.

Gu Sup Kang

Der Autor

Gu Sup Kang

Dr., Director, School Support Division, Education Support Center for North Korean Migrants, Korean Educational Development Institute, Seoul.


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