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2.4.2019

Zum Stand der (digitalen) Schulentwicklung in Berufsschulen

Redaktion | Lea Schrenk am 02.04.2019

Um berufliche Bildung zeitgemäß zu gestalten, braucht es mehr als einen Computerraum. Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), spricht im Interview über den Einsatz digitaler Medien in der Berufsschule.

Die digitale Ausstattung an deutschen Berufsschulen ist sehr unterschiedlich. (© Public Domain, Headway / Unsplash / bearbeitet / Lizenz)


werkstatt.bpb.de: In welchen Bereichen der beruflichen Bildung ist der Einsatz digitaler Medien sinnvoll?

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser: Digitale Medien finden in allen Berufen, an allen Lern- und Arbeitsorten ihre Anwendung – in unterschiedlicher Dimension und didaktisch-methodischer Setzung. Aber nicht das multimediale Angebot und digitale Medien allein führen zu größeren Lernerfolgen. Erst die bewusst organisierte Einbettung in didaktische Konzepte und lernförderliche Rahmenbedingungen machen digitale Medien für das berufliche Lehren und Lernen erfolgreich.

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) (© bibb)

Wie steht es denn aktuell um die digitale Ausstattung von Berufsschulen in Deutschland?

Die Ausstattung der Berufsschulen in Deutschland variiert sehr stark. Standard ist eigentlich ein Computerarbeitsraum und eine Ausstattung mit unterschiedlichen Lehrmitteln für den berufsspezifischen Unterricht. Es gibt Berufsschulen, die nach dem neuesten Stand der Technik ausgestattet sind und über Lizenzen für berufsspezifische Softwareprogramme, Demonstrationsmaterialien bis hin zu Lernfabriken verfügen, in denen Abläufe und Prozesse simuliert und so zum Beispiel Störungen und Effekte veranschaulicht werden können, die im betrieblichen Alltag nicht wünschenswert sind. Was fehlt, ist ein durchgängig anspruchsvoller Ausstattungsstandard in allen beruflichen Schulen.

Welche Ziele verfolgt der Einsatz digitaler Medien in der Berufsbildung?

Den Veränderungen in einer digitalen und globalen Arbeitswelt entsprechend, können Geschäftsprozesse, Produktionsabläufe sowie interdisziplinäre Fragen und Schnittstellen mit digitalen Medien visualisiert, simuliert, didaktisch auf wesentliche Aspekte reduziert und somit auf nachvollziehbare Weise dargestellt werden. Das betrifft etwa die Wirkungsweise der Kraft-Wärme-Kopplung, das Materialverhalten im Druckguss, Hygienestandards im Reinigungswesen oder Arbeitsabläufe einer Fabrikanlage. Digitale Planungs-, Fertigungs-, Informations- und Kommunikationswerkzeuge können die damit verbundenen Umsetzungsschritte unterstützen und ermöglichen diese vielfach erst.

Welche Rolle spielt das berufsbildende Personal für diesen Prozess?

Das Ausbildungspersonal spielt eine bedeutende Rolle. Der Anspruch an das Ausbildungspersonal steigt, da es in der Lage sein sollte, professionell und reflektiert den gesamten Bereich der digitalen Medien zu bewerten. Das Personal muss auch Anbieter, Interessen, Gefahren, Restriktionen und Entwicklungstrends kritisch einschätzen und auf dieser Basis eine reflektierte und begründete Auswahl von digitalen Medien und Materialien für die Lehre treffen. Durch die Einbindung der digitalen Medien in berufliche Lehr-Lernprozesse sollte die Qualität der Ausbildung den Anforderungen digitalisierter Lern- und Arbeitswelten entsprechen.

Inwiefern werden die Lehrenden auf die Anforderungen digitaler Berufsbildung vorbereitet?

Wichtig ist, das Personal an allen Lernorten zu qualifizieren und Weiterbildungsangebote zu entwickeln. Hierfür werden im Moment vielfältige Aktivitäten für das betriebliche Ausbildungspersonal angestoßen. Bei der Berufsschullehrerbildung sind in den Bundesländern ebenfalls unterschiedliche Aktivitäten zu beobachten. Die Kultusministerkonferenz hat sich dieses Themas angenommen und die Weiterbildungsinstitute für Lehrerbildung an beruflichen Schulen tauschen die Erfahrungen zu diesem Thema bundeslandübergreifend aus.

  • Die Ausstattung der Berufsschulen in Deutschland variiert sehr stark. Was fehlt, ist ein durchgängig anspruchsvoller Ausstattungsstandard in allen beruflichen Schulen.

    Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)
  • Durch die Einbindung der digitalen Medien in berufliche Lehr-Lernprozesse sollte die Qualität der Ausbildung den Anforderungen digitalisierter Lern- und Arbeitswelten entsprechen.

    Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)
  • Der Anspruch an das Ausbildungspersonal steigt, da es in der Lage sein sollte, professionell und reflektiert den gesamten Bereich der digitalen Medien zu bewerten.

    Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

Sie sagten eingangs, dass vor allem ein durchgängig hoher Ausstattungsstandard an Berufsschulen fehlt. Welche Rolle spielen die bildungspolitischen Maßnahmen der Bundesregierung (Stichwort Digitalpakt) für die digitale Schulentwicklung an Berufsschulen und was merken Sie davon schon ganz konkret?

In der beruflichen Bildung haben wir die bildungspolitisch besondere Situation, dass der Bund nach dem Berufsbildungsgesetz die Hauptverantwortung hat. Ausbildungsordnungen gelten beispielsweise als bundesweit einheitliche Mindeststandards, an denen sich auch die Rahmenlehrpläne der Kultusministerkonferenz orientieren, die bundesweit umgesetzt werden.

Über Programme und Initiativen fördert der Bund zudem Innovationen in der beruflichen Bildung. So stattet das BIBB mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zurzeit die überbetrieblichen Bildungszentren mit den neuesten digitalen Technologien aus. Und die BMBF-Initiative "Qualifizierung digital" adressiert das Thema digitale Medien in der Ausbildung auf vielfältige Weise. Ein Beispiel hierfür ist der betriebliche Ausbildungsnachweis (auch "Berichtsheft" genannt), der heute auch digital geführt werden kann. Auszubildende, Ausbilder und Berufsschullehrer können durch dieses Instrument die Ausbildungsinhalte im Betrieb mit jenen in der Schule transparenter verknüpfen. Durch den Digitalpakt zwischen Bund und Ländern sollen auch berufliche Schulen profitieren.

Wie sieht für Sie die Berufsschule der Zukunft aus?

Die Berufsschule der Zukunft ist in der regionalen Wirtschaft gut vernetzt und entwickelt in Projekten gemeinsam mit Unternehmen in der Region attraktive Lehr-Lern-Szenarien. Hier können exemplarisch Prozesse und Systeme der modernen Arbeitswelt durchdrungen sowie Arbeits- und Geschäftsprozesse der digitalen Arbeitswelt erschlossen werden.

Lehrerinnen und Lehrer arbeiten in Teams und tauschen sich über Bundeslandgrenzen hinweg zu Entwicklungen in ihrem Berufsfeld aus. Sie bekommen regelmäßig Gelegenheit zur Weiterbildung, auch durch Hospitationen in technologischen Vorreiterunternehmen. Lehrende agieren als Lernprozessbegleiter für einen medienunterstützten, individualisierten, schülerzentrierten Unterricht.

Ferner kommen Berufliche Schulen ihrem Bildungsauftrag im allgemeinbildenden Bereich nach und tragen zur Persönlichkeitsbildung der Schülerinnen und Schülern in einer heterogenen, offenen, modernen und demokratischen Gesellschaft bei.

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Über unseren Interviewpartner

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser ist seit 2011 Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn.
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